Obwohl jetzt eigentlich wieder Sachsen an der Reihe wäre (man lese sich den Artikel des Herrn Trappe in der taz durch), beschäftige ich mich heute mit einer Stadt im östlichen Brandenburg, Frankfurt/Oder. Es geht, wie es die Überschrift schon verrät, um Rassismus. Und eine Kultureinrichtung. Genauer um die Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder). Die hat, wie alle öffentlich zugänglichen Bibliotheken in Deutschland, die Aufgabe, die städtische Bevölkerung mit hinreichend Informationen zu versorgen. Die Bibliotheksleitung entscheidet im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten, welche Medien sie erwirbt und welche nicht. Ausschlaggebend für entsprechende Buch- oder CD-Bestellungen können Bestsellerlisten, aktuellen Themenschwerpunkte oder Wünsche von Bibliotheksnutzern sein. Auch könnte bspw. der Oberbürgermeister, als Chef aller städtischen Angestellten, eine Weisung an die Bibliotheksleitung herausgeben, dass entsprechende Medien bestellt oder nicht bestellt werden. Wegen der mangelnden Popularität solcher Verhaltensweisen, lassen Bürgermeister die Stadtbibliotheken aber allzu häufig selbst über Neuerwerbungen entscheiden. Nicht zuletzt orientierten sich die bibliothekarischen Berufsverbände (und somit auch eine Vielzahl der politischen Ortsvorsteher) an dem Artikel 5 unseres Grundgesetzes, in dem es unter anderem heißt: "Eine Zensur findet nicht statt."

Nun befinden wir uns wie schon angesprochen in Frankfurt/Oder. Wenn man sich hin und wieder mit unterklassigem Ostfußball beschäftigt, kommt man bisweilen nicht umhin, sich auch mit den berlin/brandenburgischen Vereinen zu befassen. Wenn man dazu noch ein Quäntchen politisches Moment hinzuzieht, bekommt man zwischen Havel und Oder so einiges geboten. Zwischen schematisch eingeordneten "linken" (Babelsberg) und "rechten" (BFC) Fußballklubs kann sich der unentschlossene Jugendliche beinahe alles aussuchen, was das Fußballherz begehrt. Ein Teil der Fanszene des Landesligisten FFC Viktoria 91 (seit 1. Juli: 1. FC Frankfurt) verortet sich eher im rechten Teil des politisierten Fußballspektrums. Erst im vergangenen Dezember versuchten NeoNazi-Hools des FFCV die eher links (oder eher demokratisch) eingestellten Fans von TeBe Berlin zu vermöbeln. Und auch sonst wird innerhalb (Fahne mit der Aufschrift: "FCV gegen Links"; antisemitische, rassistische Sprechchöre) und außerhalb ("Sieg Heil"-Rufe einer FFCV-Fangruppe) des "Stadions der Freundschaft" der rechte Standpunkt offensiv vertreten.
Die 60.000 Einwohner zählende Metropole an der Grenze zu Polen besitzt aber bei weitem nicht nur faschistoide Hooligans, sondern auch eine Handvoll wundervoller Baudenkmäler und eine für jedermann zugängliche Universität. In jener renommierten Hochschule wollten auch zwei Berlinerinnen studieren. Jura sollte es sein. In einem Artikel der Serie "Leben mit Rassismus", der Wochenzeitung DIE ZEIT, schildert eine der beiden Studentinnen aus türkischem Hause ihre Zeit in Frankfurt, jenseits der Campusgrenzen. "Ich bekam dann auch sehr schnell Gerüchte über die rechte Szene zu hören. Von Überfällen auf türkische Imbisse oder von Angriffen gegen Menschen, die nicht Deutsch aussehen. Einmal saß ich in der Straßenbahn hinter einem Typen der sich 'SS' auf die Fingerrücken tätowiert hatte. (...) An der Universität wurden Flugblätter verteilt, auf denen darauf hingewiesen wurde, was die Polizei verheimlichen wollte: Rechtsradikale hatten zwei Afrikaner in einer Disco angegriffen und schwer verletzt." Sowieso gilt das frankfurter Umland als einer der Hauptanlaufpunkte für deftige Neonazikonzerte in Brandenburg.
Kurzum: Frankfurt/Oder verfügt wie viele andere Ortschaften im Osten der Republik über eine gefestigte aber relativ unorganisierte Neonaziszene. Tieferliegende rassistische Ressentiments gegenüber Nicht-Deutschen gelten als vorhanden. Näheres dazu und zu anderen rassistischen Ausfällen in der Kleiststadt kann im 8-seitigen "recherche output" der antifaschistischen recherchegruppe Frankfurt (Oder) nachgelesen werden.

Die geschilderten Eindrücke sind mir als Sachse über das Internet bekannt geworden. Städtische Politiker oder etwa Angestellte von Kultur- und Bildungseinrichtungen haben mit jenen offensichtlichen Phänomenen den lieben langen Tag zu kämpfen. Die zivilgesellschaftliche und demokratische Auseinandersetzung mit Themen wie Rassismus und Antisemitismus sollte von jeder städtischen Institution unterstützt und befördert werden. Dazu sollten nicht nur Schulen oder Museen, sondern auch Bibliotheken ständige Interaktions- und Interventionsorte darstellen. Denn schon der damalige Außenminister F.W. Steinmeier sagte:

Entscheidend ist die Auseinandersetzung auf kommunaler Ebene, wo lange nicht jeder rechtsextreme Vorstoß zu einer weithin beachteten Zeitungsmeldung wird. Dieser oft unauffällige Alltag muss unsere konzentrierte politische Aufmerksamkeit erhalten. […] Bürgermeister, Landräte, Vorsitzende von Sport- oder Heimatvereinen, Schulleiter, Kirchgemeinden, Sozialverbände oder Freiwillige Feuerwehr, das Theater oder die Bibliothek vor Ort, sie alle müssen sich vernetzen, Informationen austauschen, Gegenwehr organisieren. So können wir viel erreichen.

Öffentliche Bibliotheken, und da sind wir auch wieder bei der Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt, erreichen beachtlich viel, zumindest auf den Papieren vieler bibliothekarischer Lobbyverbände. Der Weltverband der Bibliotheken (IFLA) formulierte beispielsweise die bibliothekarische Auseinandersetzung mit rassistischem Gedankengut wie folgt: "Angesichts der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert fühlen sich auch die Bibliotheken verpflichtet, dem Wiederaufleben nationalistischer und nationalsozialistischer Tendenzen entgegen zu wirken." Dass es in Frankfurt solcherlei unübersehbaren Tendenzen gibt, zeigen die oben gemachten Ausführungen. Eine Öffentliche Bibliothek sollte sich demnach, wenn sie nach den Vorgaben des Weltverbandes handelt, mit den kommunalen Gegebenheiten kritisch und aufklärerisch auseinander setzen. Und handelt die Einrichtung nicht nach den internationalen Vorgaben, so kann sich das Bücherhaus immer noch auf die nationalen Vorgaben hiesiger Bibliotheksverbände berufen: "Verpflichtung auf das Grundgesetz", "Ort der gelebten Demokratie", "Bildungseinrichtung", "Integrationsort", "Kultureinrichtung", "Kommunikationsort", "Ablehnung von Zensur", "Vermittlung von qualitativ hochwertigen Informationen". Geht es nach den geduldigen Papierschreibern der Bibliotheksverbände, sollte jede dieser Zuschreibung auf eine jede x-beliebige Stadtbibliothek projiziert werden können. Dass diese zugewiesenen und bisweilen überzogenen Eigenschaften hinten und vorne nicht "eingehalten" werden, zeigt unmissverständlich die "Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder)".

Bestimmte Medien können das rassistische Salz in der kochen Volkssuppe sein. Neonazistische Musik stellt für viele Jugendlichen die Einstiegsdroge für eine rechtsextreme Karriere dar. Die "Mitte" der Gesellschaft konnte sich durch die Ausführungen eines Sarrazin endlich in ihren Vorbehalten gegen Muslime öffentlich vertreten fühlen. Zu einer tiefgründigen Diskussion führten Sarrazins bisweilen höchst zweifelhaften Thesen nicht. Trotz der eklatanten qualitativen (und moralischen) Mängel des Buches, wurde "Deutschland schafft sich ab" von jeder noch so kleine Gemeindebibliothek (auch wegen des überhöhten Drucks der Volksmassen) erworben. Wie sich die abertausend Regalmeter des roten Buches wohl mit den Zuschreibungen "Integrationsort" oder mit den "qualitativ hochwertigen Informationen" vertragen? Auch die Stadtbibliothek Frankfurt/Oder besitzt Sarrazin, zwei Mal. Nun gut. Ex-Senator, Ex-Bundesbanker, SPD-Mitglied; da kann die Erwerbungsstelle schon mal ein Auge zudrücken. Die Stadtbibliothek stellt sich allerdings noch ganz andere Helden der antimuslimischen Prosa auf die Ausleihtische. Zum Beispiel Udo Ulfkotte. Von diesem Vertreter seiner Zunft gibt es gleich vier Bücher im Bestand der Bibliothek. Sein neuestes Werk trägt den viel versprechenden Titel: "Albtraum Zuwanderung". Und es trieft nur so vor rassistischen Ressentiments gegen alles, was nicht christlich oder deutsch oder beides zusammen ist. Unter anderem wünscht sich der Autor die "Kasernierung und Deportation vagabundierender krimineller Roma".
Nun liegt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Brandenburg bei stolzen fünf Prozent. Über den nahenden Volkstod in Frankfurt/Oder (zumal ja auch noch Grenzstadt) wollte sich anscheinend auch eine aufrichtige Bürgerin der Stadt und zugleich Nutzerin* der Stadtbibliothek informieren und richtete vor kurzem einen Buchwunsch mit folgender E-Mail an die Bibliothek:

Liebes Bibliotheksteam,
nun ist es endlich mal an der Zeit, Ihnen Danke zu sagen und zugleich eine Bitte an Sie zu richten. Zunächst ein Danke dafür, dass Sie den Mut hatten, Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" in den Bestand der Frankfurter Stadtbibliothek aufzunehmen. In dem Buch wird zu Recht Einiges an der deutschen Integrationspolitik von Muslimen kritisiert. Gegen alle politisch korrekten Widerstände hat sich Ihre Bibliothek engagiert hinweggesetzt - ein tolles Zeichen für die Meinungsfreiheit in meiner Heimatstadt und in diesem Lande. Auch bin ich höchst erfreut, dass ich per Suche in Ihrem Online-Katalog Udo Ulfkottes Buch "Grenzenlos kriminell die Risiken der EU-Osterweiterung ; was Politiker verschweigen" finden konnte - ich habe es mir bereits privat gekauft, ein schonungslos offenes Buch. Schön, dass Sie das Problem der Zuwanderung als städtische Einrichtung ebenso sehen.
Nun komme ich zu meiner Bitte. Der eben genannte Udo Ulfkotte veröffentlichte letztes Jahr das Buch "Albtraum Zuwanderung". Darin wird abermals und noch deutlicher beschrieben, welche finanziellen Ausmaße Deutschland die (Nicht-)Integration von arbeitslosen Ausländern kostet. Dieses Buch wurde unter anderem auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Siehe:
http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display-mit-Komm.154+M55ee33f54ab.0.html?&tx_ttnews%5Bswords%5D=ulfkotte
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie meinem Wunsch nachkämen und dieses Buch in den Buchbestand der Stadtbibliothek aufnehmen würden. Sicherlich wird diese Publikation auch noch andere aufrichtige deutsche Bürger der Stadt Frankfurt/Oder interessieren.
Haben Sie vielen Dank!
Mit freundlichen Grüßen,
XXX

Die Antwort der Stadtbibliothek auf diese nationalistische Anfrage lautete wie folgt:

Sehr geehrte Frau XXX,
wir schaffen das Buch für unsere Bibliothek noch an.
Mit freundlichen Grüßen
XXX
Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder)

So. Lassen wir es kurz einwirken.
Wäre diese Begebenheit einer "Bildungseinrichtung", einer "Kultureinrichtung", einer "Integrationseinrichtung" nicht schon unwürdig genug, mischt sich in ähnlich gearteten Fällen die sogenannte Fachmeinung des Bibliothekswesens ein. Richten ein oder mehrere Bürger einen Buchwunsch an die Bibliothek, so sollte dieses Buch, im Rahmen des Medienetats, bestellt werden. Wenn die Bibliothek Bücherwünsche ablehnt, etwa aus moralischen Gründen, dann bezeichnen das viele hochdotierte Bibliothekswissenschaftler als Zensur. Dies ist, mit Verlaub, natürlich völliger Unfug. Bücher werden erstens auch ohne Öffentliche Bibliotheken verlegt und zweitens gelten Stadtbibliotheken rein verfassungsrechtlich nicht als verwirklichende Institution des Artikels 5 GG.
Aber Sie haben richtig gelesen, werte Damen und Herren. Alles was nicht auf dem staatlichen Index steht, gehört nach Ansicht wichtiger Bibliothekslautsprecher in die Regale der Bibliotheken. Im Falle der geschilderten Reaktion der Stadtbibliothek Frankfurt hat dieser völlig falsche Ansatz dazu geführt, dass sich nun Bürger – die sich vielleicht schon länger über die Wohnwagen-Parks am Stadtrand aufregen – über die für die deutsche Volkswirtschaft vermeintlich nicht zuträglichen Roma entsprechend informieren können. Denn, und das ist eine weitere Unzulänglichkeit von Öffentlichen Bibliotheken, eine kritische Vermittlung entsprechender Inhalte und Medien findet nicht statt. Die Bücher von Sarrazin, Ulfkotte & Co. lauern in pseudowissenschaftlicher Verkleidung auf potentielle Täter und deren Opfer. Überdies verleiht die Bibliothek als Ort eben solchen rassistischen Verführungsmedien einen weitreichenden demokratischen Anstrich.

Im Resümee kann dieses vorherrschende unpolitische/unsensible Verständnis von bibliothekarischer Mediendarbietung für Kommunen mit ähnlich bzw. unterschwellig eingebetteten rassistischen Einstellungen gefährlich werden. In vielen Gemeinden stellen Bibliotheken die letzten Überreste des kommunalen Kulturlebens dar. Demokratische Vielfalt, nicht nur diejenige auf irgendwelchen Positionsapieren, kann durch die unverantwortliche/naive Haltung des Bibliothekswesens gegenüber seinen sozialen und politischen Umfeldern leicht in eine undemokratische Richtung kippen. Das passiert nämlich genau dann, wenn Nazis die bibliothekarische Lethargie als Spielwiese für ihre menschenverachtende Ideologie erkennen und missbrauchen. Aber es müssen natürlich nicht immer plakative Neonazis sein, die sich ihren ganz eigenen Handbestand in der Bibliothek aufbauen. Auch ganz gewöhnliche Bürger einer Stadt können solche Medien nutzen, um sich rein fachlich gegen eine Unterbringung von asylsuchenden Menschen in Stellung zu bringen. Um diesem Schauspiel erst gar nicht die Bühne zu bereiten, sollten sich alle Bibliothekarinnen und Bibliothekare sowie deren "intellektuelle" Väter und Mütter schleunigst Gedanken darüber machen, ob es für eine Stadt wie Frankfurt/Oder, mit ihren rassistischen Einstellungsmerkmalen, erstrebenswert bzw. zuträglich ist, den Zugang zu anti-emanzipatorischer, anti-demokratischer und menschenverachtender Literatur über eine öffentliche Kultur-, Bildungs- und Integrationseinrichtung zu ermöglichen. Denn seien wir doch mal ehrlich: es beißt sich die Katze vehement in den Schwanz, wenn nach vorne hin wieder mal eine interkulturelle Themenwoche der Stadt ausgerufen wird, um gleichzeitig nach hinten gewissen rassistischen Tendenzen mittels eines entsprechender Literaturbestands Vorschub zu leisten.

Die bundesrepublikanische Demokratie kann rassistische Medien im Bestand einer kleinen Stadtbibliothek verkraften, keine Frage. Ob dies allerdings auch die von Steinen malträtierten Scheiben eines Asylheimes oder der von Turnschuhen bearbeitete Kopf eines türkischen Bürgers können, ist mehr als fraglich. Anstatt auf die sterilen Aussagen irgendwelcher Bibliothekstheoretiker zu hören, sollten Öffentliche Bibliotheken in Zukunft ihre demokratischen bildungs- und kulturpolitischen Zielvorstellungen gegenüber ihres sozialen Umfeldes eher an Zeitungsmeldungen, gesprühten Hakenkreuzen oder etwaigen E-Mailanfragen ausrichten.

*Name LaBa bekannt.